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  heft 11, 2004

  Cornelia Schmerle   am grund
  Petra Dahlemann   Muster 1
  Gerald Fiebig   ton, träger
  Gerald Fiebig   tiefer zug, langer trip
  Felix Wenzel (mit Gerald Fiebig)   eis bahn
  Gerald Fiebig (mit Felix Wenzel)   eis bahn
  Kerstin Kempker   Besser keiner
  Hans-Karl Fischer   Siebenschön
  Hans-Michael Müller   Freitagsbraucher
  Erna Holleis   alltager sternschwund trio dann
  Christoph Steven   Tante und der Händler
  Christian Zimek   müde kreiß ...
  Rupprecht Mayer   Widmung
  Rupprecht Mayer   Im Wald der Gummibäume
  Rupprecht Mayer   Die Würfel
  Ina Strelow   Rache unterm Rock
  Sabina Lorenz   Rotgesinn für Lauderkröt
  Sabina Lorenz   Winderlied am Nitgeort
  Werner K. Bliß   ultimo de novo
  Katia Tangian   Ach was!
  Anna Hoffmann   ein nackenschuss ...
  Anna Hoffmann   A sentimental Journey
  Anna Hoffmann   Bockshorn
  Christoph Wenzel   somatext
  Herbert Hindringer   one food to the grave
  Axel Sanjosé   Parzendomino
  Jörg Neugebauer   Worte Wände Wellen
  barandalla   Pristina - Stachus (einfache FahrtE)



 
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heft 11: textauswahl


Gerald Fiebig

ton, träger

in meiner überheizten echokammer unterm schädeldach:
die rohlinge verlegt & dafür ein gefühl gefunden.

»selbstfindung ist das gegenteil von selbstverlag«,
sagst du & erzählst von einem japan-patent:

CDs aus maisstärke, biologisch abbaubar.
»da kann man nach dem anhören corn daraus poppen«,

sage ich, doch du verschluckst meinen mund.
wir sind maistonträger. wir essen uns auf.

du findest dellen in meinem gesicht
tastest sie mit deiner zunge ab.

(die alten aknenarben: digitale verzerrung,
abgespeichert durch die software der haut.)

tastest sie ab, mit deiner zunge, deinen händen:
tonarm, tonhand, tonfingerspitze – ich drehe

durch & winde mich, bring dabei geräusche hervor.
...

zum abschied küss ich dir je ein wort in die ohren
(eines für jeden stereokanal),rück den träger zurecht

& hake die nadel des BH-verschlusses ein.
wir sind tonträger. drück mich. REPEAT.


                       nach Jutta Weber


 

 

tiefer zug, langer trip (kissing–bad neustadt a.d. saale)

 

thorsten singt: feel like a kissing doll i feel so free

and me i feel like a pissing doll ich fühlmich so voll

im jammertal der puppenkiste urhell aus dem eis

mit abgeschlagenem hals wie flasche bier

 

lummerland ist abgebrannt & hier herrscht das packeis

don’t eat the yellow snow ist kein bier

sondern die stadt der käthe-kruse-puppen

hubschrauberstadt europas hardcorepunk im juz

 

gleich neben eurocopter stadttheater theatre of war

theatre of operations naturtheater von oklahoma

i hate every inch of you, mcalester, oklahoma

die meisten hinrichtungen & die größte bombenfabrik

 

jüdische friedhöfe aufgelassen überwuchert

shanty-town-hütten am rande von kleinstädten

sportstudio pose down eine kneipe namens rampe

mcdonalds & zerfasertes gewerbegebiet

 

die tv-gaststätte am sportplatz die gründerzeitvillen

die turmlose gotische kirche & rauchen verboten

in fraktur auf den sandstein der rampe des bahnhofs

gemalt gegenüber dem siemens-elektromotorenwerk

 

nash_elmo industries gmbh auf einer sonnigen bank

laster voll schrott fahren alte drehstühle rein

bahnhofsgaststätte neu zu verpachten chinesenfamilien

mit kindern auf ballonfahrrädern sitzen im warmen

 

gegenüber die toten schweine im schlachthaus von oberwaldbehrungen

das die rückseite vom ballongeschmückten gemeindehaus ist

der schwarze hund legt seinen kopf auf meinen kibbuzschlafsack

ringsherum alles katholisch brieftaubentransportgemeinschaft

 

pit sagt: hier unter diese glasglocke im zonenrandgebiet

kam in den 60ern alles aus wildflecken von den amerikanern

die musik das dope was heißt hier provinz das war wie kaiserstraße

königsweg freedom road weder rocket to ruin noch roadkill from russia

 

es muss mehr gute orte geben zwischen hier & dem city lights bookshop

als rampen zwischen los alamos & auschwitz von sponsoren bezahlt

der rausch von dem wir reden ist der des wassers das sich seinen weg bahnt

eure kaltwasserversuche werden nichts nützen auf meinem gesicht

 

seht ihr nicht tränen sondern morgentau & einen plan der nicht euch gehört

 

nach Peter Engstler und Thorsten Propeller


Petra Dahlemann

Muster 1

Der Zirkusdirektor stieg an der Tablettenfabrik in den Bus ein. Missmutig ließ er sich in den Sitz fallen und kramte nach der Fahrkarte. Den Zylinder behielt er auf. Die schlafende Schöne zwei Sitze hinter ihm öffnete kurz die Augen und ließ das Bild eines schlecht gelaunten Zirkusdirektors in ihren Schädel einfallen. Dann senkte sie die Lider über dem meergrünen Blick.

An der großen Kreuzung stiegen alle aus. Der Zirkusdirektor ging über die Straße auf die Telefonzelle zu. Er schlug das Buch auf und sucht mit langen, dünnen Fingern die endlosen Zahlenkolonnen ab. Die Schöne zog den Leopardenmantel enger um die Schultern. Und in ihren Schädel fielen die Bilder der Wartenden.

Außerdem zwei vorbeifahrende Leichenwagen und das Kind, das sie zählte, in einer fremden Sprache. Der Zirkusdirektor hatte inzwischen Anschluss gefunden und lauschte, den Hörer ans Ohr geklemmt, während sich seine Miene mit jeder Minute mehr aufhellte.

„So gut kann ich schon zählen!“, rief das Kind und schob seinen Blick einen schwarzen Mantel hinauf, in dem ein Vater steckte, hochaufgerichtet, ein Lächeln über dem Kragen, das sagte, gut gemacht, aber nun störe mich nicht länger. Die Schöne nahm auch ihn in sich auf.

Unter dem Asphalt war die Erde noch dunkel vom Winter. Die Wartenden fühlten den schwarzen Abgrund unter ihren Füßen und sahen dem Regen entgegen, dem Zwielicht, das er bringen würde, das Licht des frühen Frühlings. Ein Windstoß erfasste eine weiße Papiertüte auf dem Pflaster, hob sie hoch, faltete sie auseinander, stieß sie vorwärts. Weißes Rascheln und eine Bewegung, bei der die Wartenden vergaßen, worauf sie gewartet hatten und also auch die Straßenbahn vorbeifahren ließen, ohne sie zu betreten. Schwermütig drehte sich die Erde eine Minute weiter und stand nun auf halb elf.

Nachdenklich legte der Zirkusdirektor den Hörer auf und kam über die Straße zur Haltestelle zurück. Die weiße Tüte verfing sich an seinem Fuß und für einen klitzekleinen Moment kam die sich drehende Welt zum Stillstand. Die Schöne war die Einzige, die es bemerkte. Sie lächelte und nahm die Tür in den Blick, dort am gegenüberliegenden türkisfarbenen Haus. Der Regen rückte näher, das Licht wurde matter. Das Kind hörte auf zu zählen. Der Mantelmann hielt lauschend inne. Als sei es gar nichts, schwang die Tür am türkisfarbenen Haus auf. Der Regen rückte näher. Jemand trat auf die Straße und sah prüfend zum Himmel. Noch nicht. In einer gelben Tasche ruhte ein roter Schirm, zusammengefaltet und trocken. Ein Blick kam von den Wolken zurück und flog über die Straße, mitten ins Zwielicht. Erfasste einen Zirkusdirektor, eine Schöne, ein Kind, einen Mantelmann. Die weiße Papiertüte hatte anderes zu tun. Sie flog wieder mit dem Wind. Die Frau kam herüber und wartete nun auch.


Sabina Lorenz

Rotgesinn für Lauderkröt

So, du Funje, Kröpf ist da
mal die Heule, mal die Rot
och, nu bissle Flühr und Nei
im Sinne notgetot.

Om allo, du winder wahn,
geh, mach für die enden.
Ja, du Funje, Kröpf ist da
und kann nun nie verbenden.

Wasso und die wolle weh
hach, nun bin ich nache.
Mal die Heule, mal die Rot
die wasso wolle lache.

Los lieb, du lustri Lauderkröt
wo notgetot die Flühre?
Und die Weh, und die Glüh
für Rotgesinn verliere.


Winderlied am Nitgeort


Blauträut, blauträut Scherbele
lük du inne Graben.
Weh so vull die Kerbele
gucksch nu ob fürs Bergele
so vullgeflöst und naben.

Verschlük die Föhn, mein Scherbele
lük du ob in Aufgemort.
Föhn in blaue Kerbele
weh übs grimmle Bergele
nimms Vullgeflös und Nitgeort.

Lach fürs Trümpf und Winderlied
lük da tummlets Bergele.
Sind so vull die Findelieb
klein gar nit im Wunderrieb
blauträut, blauträut Scherbele.


Kerstin Kempker

Besser keiner

Morsche Äste brechen in meinem Kiefer, den Knöcheln, das feine Knacken von Vogelhälsen im Schneckengang meiner Ohren. Es stürmt, flutet, brodelt, drückt, dröhnt, friert und kocht, es rast, springt und stockt, frisst und wütet, wimmert und knurrt, alle Wetter wohnen in mir. Ich beherberge die Jahreszeiten. Was macht der Winter in meinen Fingerspitzen, wenn die Hitze meinen Kopf zum Glühen bringt, wenn erste Pilze aus meinen feuchten finsteren Winkeln sprießen und das Laub mir vom Kopf fällt? Was sage ich dem dunkel stechenden Nadelwald von der Flut, die kommt, dem Sturm zwischen meinen Ohren vom Fiepen meiner Lungen, das ihn übertönt? Wie erkläre ich meinen Steinen, dass der Wolf sie fressen wird, meinen Bergen ihr Verschwinden im Tal? Wie mache ich mir das Alte gefügig, und wo rupfe ich das freche Neue aus meiner Erde, bevor es zu wuchern beginnt?

Unter meiner Haut verschieben sich Kontinente und auf ihr kentern, von Falte zu Falte geschleudert, eure Blicke.

Meine Augen fliehen zu euch, betteln um Asyl, einen Landeplatz, kommen nicht weit, prallen ab, trudeln und fallen erschöpft zurück in ihre Höhlen, die Deckel schließen sich. Spiegelungen ringsum, Luftspiegelungen, eine Leinwand, flach und rutschig, auf der in Spiegelschrift das Leben gegeben wird. In Jahresringen wickelt sie mich straff und straffer, tobt sich in mir, ihrer Mumie, aus. Meine grobe gipsgestärkte Leinenhaut, wer schneidet sie auf? Wer schmilzt die fette Schneewurst, über alle Abhänge gerollt? Besser keiner. Ich bin bewohnt von allen Schreien, allen Seufzern, allen Schrecken. Sie sitzen mir in den Knochen, verkleben mir die Muskeln, hocken in jeder Biegung meines Hirns. Eine fremde Besatzungsmacht, der ich Folge zu leisten habe. Sie verfügt über schwere Geschütze, staut meinen Blutfluss, zerreißt mir das Sehnen, versperrt die Luftwege, klumpt den Magen, ver­stopft meine Einfallstraßen, zuckt in allen Extremitäten.

Warum diese Versammlung, diese Zusammenballung just hier, an diesem mickrigen Ort? Verjagen werde ich euch, entlassen, vergraulen, auf nimmer wieder, nein ich sehe euch nicht. Durch meine Augen werde ich euch hinauskatapultieren, je­den einzelnen werde ich zurückschießen an seinen Ursprungs­ort und in seine Zeit. Frühjahrsputz, Großreinemachen ist heute, ich fege euch aus allen Winkeln, schüttele, kratze, ätze und räuchere euch aus mir heraus.

Adieu Mutterklage, schön hast du’s gehabt, nun ist es aus, sieh zu, wie du klarkommst, adieu Kinderwimmern, Hungerauge, Blutblick, adieu all ihr letzten Schreie, jetzt ist Ruhe. Und du, Jämmerling, mach dich vom Feld, du fettes Weh, nimm auch die Wetter mit, den Wolf und all die toten Vögel. Die singen schon lange nicht mehr, wollen Mahnmal sein mit ihren hingestreckten Flügeln und emsig verdrehten Hälsen. Danke, es reicht, genug gemahnt, zurück an den Himmel mit euch, macht was draus, macht das Beste draus, streicht eure Hälse glatt, bringt eure Flügel in Position, und dann singt von mir aus, piepst, zwitschert, kräht und krächzt euch müde da oben. Klopft so viel ihr wollt.

Hier ist geschlossen, hier kommt keiner mehr rein. Heute setze ich mich zur Ruhe.


Erna Holleis

alltager atemschwund trio dann

wären in serengeti und antarktis atemstücke mit großen

kernen rot der urin etwas besonderes wenn er

beziehungsreich wäre innerhalb unsres bezugs

riecht er nach halbverdauten biottasäften


a probiert ihr neues kleid es lenkt von faden

scheinigen stoffen ab im all tag

amtstelefone glauben die ich habe nichts andres

zu tun


das nest ohne eier göttinseidank wird mit

worten gebaut das beste vielleicht dein zipfel

doch nicht immer tut die härte gut sinkt a

über u ich weiß nicht


dein becken netter zu mir oder dein kleidlecken

lächelt a h an a weiß nicht ob in alpinreichen

träumen h oder u mehr sternlose steige baut

(auf photos h heller als unter nicht geschütztem himmel)


das verkehrsschild die stilisierte schneeflocke

stifte metall an spikesreifen hütten hatten wir auch

filz vom laus keine antwort als gestöber rot

eine verbündete (wo sie wohnt ist klar)


warum sagst das du fasst u a zusammen weil ich

nicht weiß ob es mit mir geht ohne album

(trink ihn er hilft dir beim schwimmen

sonnhitt hilft beim shoppen)


Rupprecht Mayer

Die Würfel

Die Würfel werden immer mehr. In dem Monat, aus dem ich zu Ihnen spreche, spiegelt der Frühling sich auf ihren Flächen. Bäume treiben Blätter und ergrünen, gespiegelt auf den Oberseiten der Würfel, obwohl darüber nur Himmel ist. Man blickt auf sie hinunter aus den geöffneten Fenstern mehrstöckiger Häuser. Blüten fallen nicht aufs Pflaster, sondern spiegeln sich auf kleinen Würfeln, die den Boden übersäen. Aus Angst, auf einen dieser Würfel zu treten oder an die größeren, höher und höher gestapelten zu stoßen, wagen sich kaum mehr Menschen ins Freie. Denn niemand weiß, wie dünn und zerbrechlich das Glas dieser Würfel ist. Man weiß nicht einmal, ob sie tatsächlich aus Glas bestehen. Nur wenige schmale Pfade sind noch gangbar, vorbei an gespiegelten Hydranten, Autos, Fahrrädern und Briefkästen. Sie führen in Gastwirtschaften. Im Inneren der Häuser haben die Gegenstände noch ihre alte Form. Vorsichtig essen und trinken die Menschen dort, ohne aus den Fenstern zu sehen, und flüstern sich zu, wie die Welt beschaffen war, als man die Dinge noch betasten konnte. Viele zögern ihre Rückkehr hinaus, weil sie befürchten, nur mehr eine Spiegelung ihrer Häuser vorzufinden. Bisher habe ich allerdings noch keine so großen Würfel gesehen.

 

Widmung

 

Meinen Stirnknochen schlage ich trocken vor euch aufs Holz. Meine Gedanken rollen als Stahlkugeln hinterher. Mein Herz habe ich für euch verchromt. Die Silberschwingen meiner Lungen heben und senken sich majestätisch. Meine Eingeweide sind ein kristallener Lüster, der mit seinem Klimpern euer Ohr erfreut. Meine Gliedmaßen erhaltet ihr als Reisigbündel. Ich nähere mich euch mit allem, was ich habe, ohne zu wissen, wer ihr seid. Ich liebe euch, weil ich noch so viel Vorrat an Liebe habe. Fast immer bin ich mir sicher, daß ihr meiner Verschwendung würdig seid.

 

Im Wald der Gummibäume

 

Er war seit drei Jahren wieder auf der Suche nach einem Menschen, zu dem er nett sein konnte. Er würde sich am Beckenrand hinter ihn stellen, ihn fest umarmen und sich während des Falls so drehen, daß er selbst zuerst mit dem Rücken das Wasser berühren, der umarmten Person also den Schmerz des Aufpralls ersparen würde. Unter Wasser würde er sich kräftig vom Beckenboden abstoßen, um den Kopf der Person, die vielleicht nicht schwimmen konnte, schnell über die Wasseroberfläche zu bringen und ihr so das Leben zu retten. Später würde er ihr lächelnd gegenüberstehen, langsam die Arme ausstrecken, die Hände auf ihre Schultern legen und ganz leise lobende Worte über die Form ihrer Ohren sagen. Vielleicht würde er noch einen Schritt näher an die Person herantreten, ihr seinen linken Unterarm waagrecht auf die Linie legen, die von der einen Schulter über das Schlüsselbein zur anderen führt, und ihr dann sacht eine in die Stirn fallende Haarsträhne nach oben blasen, nicht ohne sich vorher mit Mundwasser den Atem gereinigt zu haben. Schließlich würde er die Person am Handgelenk nehmen und nachts in einen Wald von Gummibäumen führen. Die schweren, glatten Blätter würden ihnen sanft ins Gesicht und auf die Brust schlagen, und keine Gefahr würde - wie sonst bei solchen Wanderungen - von den Spitzen abgestorbener Fichtenäste ausgehen.


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