Cornelia Schmerle am grund
Petra Dahlemann Muster 1
Gerald Fiebig ton, träger
Gerald Fiebig tiefer zug, langer trip
Felix Wenzel (mit Gerald Fiebig) eis bahn
Gerald Fiebig (mit Felix Wenzel) eis bahn
Kerstin Kempker Besser keiner
Hans-Karl Fischer Siebenschön
Hans-Michael Müller Freitagsbraucher
Erna Holleis alltager sternschwund trio dann
Christoph Steven Tante und der Händler
Christian Zimek müde kreiß ...
Rupprecht Mayer Widmung
Rupprecht Mayer Im Wald der Gummibäume
Rupprecht Mayer Die Würfel
Ina Strelow Rache unterm Rock
Sabina Lorenz Rotgesinn für Lauderkröt
Sabina Lorenz Winderlied am Nitgeort
Werner K. Bliß ultimo de novo
Katia Tangian Ach was!
Anna Hoffmann ein nackenschuss ...
Anna Hoffmann A sentimental Journey
Anna Hoffmann Bockshorn
Christoph Wenzel somatext
Herbert Hindringer one food to the grave
Axel Sanjosé Parzendomino
Jörg Neugebauer Worte Wände Wellen
barandalla Pristina - Stachus (einfache FahrtE)
heft 11: textauswahl
Gerald Fiebig
ton, träger
in meiner überheizten echokammer unterm schädeldach:
die rohlinge verlegt & dafür ein gefühl gefunden.
»selbstfindung ist das gegenteil von selbstverlag«,
sagst du & erzählst von einem japan-patent:
CDs aus maisstärke, biologisch abbaubar.
»da kann man nach dem anhören corn daraus poppen«,
sage ich, doch du verschluckst meinen mund.
wir sind maistonträger. wir essen uns auf.
du findest dellen in meinem gesicht
tastest sie mit deiner zunge ab.
(die alten aknenarben: digitale verzerrung,
abgespeichert durch die software der haut.)
tastest sie ab, mit deiner zunge, deinen händen:
tonarm, tonhand, tonfingerspitze – ich drehe
durch & winde mich, bring dabei geräusche hervor.
...
zum abschied küss ich dir je ein wort in die ohren
(eines für jeden stereokanal),rück den träger zurecht
& hake die nadel des BH-verschlusses ein.
wir sind tonträger. drück mich. REPEAT.
nach Jutta
Weber
tiefer zug, langer trip
(kissing–bad neustadt a.d. saale)
thorsten
singt: feel like a kissing doll i feel so free
and me i feel like a pissing doll ich fühl
im jammertal der puppenkiste
urhell aus dem eis
mit abgeschlagenem hals wie
flasche bier
lummerland ist abgebrannt &
hier herrscht das packeis
don’t
eat the yellow snow ist kein bier
sondern die stadt der
käthe-kruse-puppen
hubschrauberstadt europas
hardcorepunk im juz
gleich neben eurocopter
stadttheater theatre of
war
theatre
of operations naturtheater von
i hate
every inch of you,
die meisten hinrichtungen &
die größte bombenfabrik
jüdische friedhöfe aufgelassen
überwuchert
shanty-town-hütten am rande von
kleinstädten
sportstudio pose down eine kneipe namens rampe
mcdonalds & zerfasertes
gewerbegebiet
die tv-gaststätte am sportplatz die
gründerzeitvillen
die turmlose gotische kirche &
rauchen
verboten
in fraktur auf den sandstein der
rampe des bahnhofs
gemalt gegenüber dem
siemens-elektromotorenwerk
nash_elmo
industries gmbh auf
einer sonnigen bank
laster voll schrott fahren alte
drehstühle rein
bahnhofsgaststätte neu zu
verpachten chinesenfamilien
mit kindern auf ballonfahrrädern
sitzen im warmen
gegenüber die toten schweine im
schlachthaus von oberwaldbehrungen
das die rückseite vom
ballongeschmückten gemeindehaus ist
der schwarze hund legt seinen kopf
auf meinen kibbuzschlafsack
ringsherum alles katholisch brieftaubentransportgemeinschaft
pit sagt: hier unter diese
glasglocke im zonenrandgebiet
kam in den 60ern alles aus
wildflecken von den amerikanern
die musik das dope was heißt hier
provinz das war wie kaiserstraße
königsweg
freedom road weder rocket to ruin noch roadkill from
es muss mehr gute orte geben
zwischen hier & dem city lights bookshop
als rampen zwischen los alamos
& auschwitz von sponsoren bezahlt
der rausch von dem wir reden ist
der des wassers das sich seinen weg bahnt
eure kaltwasserversuche werden
nichts nützen auf meinem gesicht
seht ihr nicht tränen sondern
morgentau & einen plan der nicht euch gehört
nach Peter Engstler und Thorsten Propeller
Petra Dahlemann
Muster 1
Der Zirkusdirektor stieg an der
Tablettenfabrik in den Bus ein. Missmutig ließ er sich in den Sitz fallen und
kramte nach der Fahrkarte. Den Zylinder behielt er auf. Die schlafende Schöne
zwei Sitze hinter ihm öffnete kurz die Augen und ließ das Bild eines schlecht
gelaunten Zirkusdirektors in ihren Schädel einfallen. Dann senkte sie die Lider
über dem meergrünen Blick.
An der großen Kreuzung stiegen alle aus. Der Zirkusdirektor ging über die
Straße auf die Telefonzelle zu. Er schlug das Buch auf und sucht mit langen,
dünnen Fingern die endlosen Zahlenkolonnen ab. Die Schöne zog den
Leopardenmantel enger um die Schultern. Und in ihren Schädel fielen die Bilder
der Wartenden.
Außerdem zwei vorbeifahrende Leichenwagen und das Kind, das sie
zählte, in einer fremden Sprache. Der Zirkusdirektor hatte inzwischen Anschluss
gefunden und lauschte, den Hörer ans Ohr geklemmt, während sich seine Miene mit
jeder Minute mehr aufhellte.
„So gut kann ich schon zählen!“,
rief das Kind und schob seinen Blick einen schwarzen Mantel hinauf, in dem ein
Vater steckte, hochaufgerichtet, ein Lächeln über dem Kragen, das sagte, gut
gemacht, aber nun störe mich nicht länger. Die Schöne nahm auch ihn in sich
auf.
Unter dem Asphalt war die Erde
noch dunkel vom Winter. Die Wartenden fühlten den schwarzen Abgrund unter ihren
Füßen und sahen dem Regen entgegen, dem Zwielicht, das er bringen würde, das
Licht des frühen Frühlings. Ein Windstoß erfasste eine weiße Papiertüte auf dem
Pflaster, hob sie hoch, faltete sie auseinander, stieß sie vorwärts. Weißes
Rascheln und eine Bewegung, bei der die Wartenden vergaßen, worauf sie gewartet
hatten und also auch die Straßenbahn vorbeifahren ließen, ohne sie zu betreten.
Schwermütig drehte sich die Erde eine Minute weiter und stand nun auf halb
elf.
Nachdenklich legte der
Zirkusdirektor den Hörer auf und kam über die Straße zur Haltestelle zurück. Die
weiße Tüte verfing sich an seinem Fuß und für einen klitzekleinen Moment kam die
sich drehende Welt zum Stillstand. Die Schöne war die Einzige, die es bemerkte.
Sie lächelte und nahm die Tür in den Blick, dort am gegenüberliegenden
türkisfarbenen Haus. Der Regen rückte näher, das Licht wurde matter. Das Kind
hörte auf zu zählen. Der Mantelmann hielt lauschend inne. Als sei es gar nichts,
schwang die Tür am türkisfarbenen Haus auf. Der Regen rückte näher. Jemand trat
auf die Straße und sah prüfend zum Himmel. Noch nicht. In einer gelben Tasche
ruhte ein roter Schirm, zusammengefaltet und trocken. Ein Blick kam von den
Wolken zurück und flog über die Straße, mitten ins Zwielicht. Erfasste einen
Zirkusdirektor, eine Schöne, ein Kind, einen Mantelmann. Die weiße Papiertüte
hatte anderes zu tun. Sie flog wieder mit dem Wind. Die Frau kam herüber und
wartete nun auch.
Sabina Lorenz
Rotgesinn für Lauderkröt
So, du Funje, Kröpf ist daKerstin Kempker
Besser keiner
Morsche Äste brechen in meinem Kiefer, den Knöcheln, das feine Knacken von Vogelhälsen im
Schneckengang meiner Ohren. Es stürmt, flutet, brodelt, drückt, dröhnt, friert
und kocht, es rast, springt und stockt, frisst und wütet, wimmert und knurrt,
alle Wetter wohnen in mir. Ich beherberge die Jahreszeiten. Was macht der
Winter in meinen Fingerspitzen, wenn die Hitze meinen Kopf zum Glühen bringt,
wenn erste Pilze aus meinen feuchten finsteren Winkeln sprießen und das Laub mir
vom Kopf fällt? Was sage ich dem dunkel stechenden Nadelwald von der Flut, die
kommt, dem Sturm zwischen meinen Ohren vom Fiepen meiner Lungen, das ihn
übertönt? Wie erkläre ich meinen Steinen, dass der Wolf sie fressen wird, meinen
Bergen ihr Verschwinden im Tal? Wie mache ich mir das Alte gefügig, und wo rupfe
ich das freche Neue aus meiner Erde, bevor es zu wuchern
beginnt?
Unter meiner Haut verschieben sich Kontinente und auf ihr kentern, von Falte zu Falte
geschleudert, eure Blicke.
Meine Augen fliehen zu euch, betteln um Asyl, einen Landeplatz, kommen nicht weit, prallen ab, trudeln und
fallen erschöpft zurück in ihre Höhlen, die Deckel schließen sich. Spiegelungen
ringsum, Luftspiegelungen, eine Leinwand, flach und rutschig, auf der in
Spiegelschrift das Leben gegeben wird. In Jahresringen wickelt sie mich straff
und straffer, tobt sich in mir, ihrer Mumie, aus. Meine grobe gipsgestärkte
Leinenhaut, wer schneidet sie auf? Wer schmilzt die fette Schneewurst, über alle
Abhänge gerollt? Besser keiner. Ich bin bewohnt von allen
Schreien, allen Seufzern, allen Schrecken. Sie sitzen mir in den Knochen,
verkleben mir die Muskeln, hocken in jeder Biegung meines Hirns. Eine fremde
Besatzungsmacht, der ich Folge zu leisten habe. Sie verfügt über schwere
Geschütze, staut meinen Blutfluss, zerreißt mir das Sehnen, versperrt die
Luftwege, klumpt den Magen, verstopft meine Einfallstraßen, zuckt in allen
Extremitäten.
Warum diese Versammlung, diese
Zusammenballung just hier, an diesem mickrigen Ort? Verjagen werde ich euch,
entlassen, vergraulen, auf nimmer wieder, nein ich sehe euch nicht. Durch meine
Augen werde ich euch hinauskatapultieren, jeden einzelnen werde ich
zurückschießen an seinen Ursprungsort und in seine Zeit. Frühjahrsputz,
Großreinemachen ist heute, ich fege euch aus allen Winkeln, schüttele, kratze,
ätze und räuchere euch aus mir heraus.
Adieu Mutterklage, schön hast du’s
gehabt, nun ist es aus, sieh zu, wie du klarkommst, adieu Kinderwimmern,
Hungerauge, Blutblick, adieu all ihr letzten Schreie, jetzt ist Ruhe. Und du,
Jämmerling, mach dich vom Feld, du fettes Weh, nimm auch die Wetter mit, den
Wolf und all die toten Vögel. Die singen schon lange nicht mehr, wollen Mahnmal
sein mit ihren hingestreckten Flügeln und emsig verdrehten Hälsen. Danke, es
reicht, genug gemahnt, zurück an den Himmel mit euch, macht was draus, macht das
Beste draus, streicht eure Hälse glatt, bringt eure Flügel in Position, und dann
singt von mir aus, piepst, zwitschert, kräht und krächzt euch müde da oben.
Klopft so viel ihr wollt.
Hier ist
geschlossen, hier kommt keiner mehr rein. Heute setze ich mich zur Ruhe.
alltager atemschwund trio dann
wären in serengeti und antarktis
atemstücke mit großen
kernen rot der urin etwas
besonderes wenn er
beziehungsreich wäre innerhalb
unsres bezugs
riecht er nach halbverdauten
biottasäften
a probiert ihr neues kleid es
lenkt von faden
scheinigen stoffen ab im all tag
amtstelefone glauben die ich habe
nichts andres
zu tun
das nest ohne eier göttinseidank
wird mit
worten gebaut das beste vielleicht
dein zipfel
doch nicht immer tut die härte gut
sinkt a
über u ich weiß nicht
dein becken netter zu mir oder
dein kleidlecken
lächelt a h an a weiß nicht ob in
alpinreichen
träumen h oder u mehr sternlose
steige baut
(auf photos h heller als unter
nicht geschütztem himmel)
das verkehrsschild die stilisierte
schneeflocke
stifte metall an spikesreifen
hütten hatten wir auch
filz vom laus keine antwort als
gestöber rot
eine verbündete (wo sie wohnt ist
klar)
warum sagst das du fasst u a
zusammen weil ich
nicht weiß ob es mit mir geht ohne
album
(trink ihn er hilft dir beim
schwimmen
sonnhitt hilft beim
shoppen)
Die Würfel
Die Würfel werden immer mehr. In dem Monat, aus dem ich zu Ihnen spreche, spiegelt der Frühling sich auf ihren Flächen. Bäume treiben Blätter und ergrünen, gespiegelt auf den Oberseiten der Würfel, obwohl darüber nur Himmel ist. Man blickt auf sie hinunter aus den geöffneten Fenstern mehrstöckiger Häuser. Blüten fallen nicht aufs Pflaster, sondern spiegeln sich auf kleinen Würfeln, die den Boden übersäen. Aus Angst, auf einen dieser Würfel zu treten oder an die größeren, höher und höher gestapelten zu stoßen, wagen sich kaum mehr Menschen ins Freie. Denn niemand weiß, wie dünn und zerbrechlich das Glas dieser Würfel ist. Man weiß nicht einmal, ob sie tatsächlich aus Glas bestehen. Nur wenige schmale Pfade sind noch gangbar, vorbei an gespiegelten Hydranten, Autos, Fahrrädern und Briefkästen. Sie führen in Gastwirtschaften. Im Inneren der Häuser haben die Gegenstände noch ihre alte Form. Vorsichtig essen und trinken die Menschen dort, ohne aus den Fenstern zu sehen, und flüstern sich zu, wie die Welt beschaffen war, als man die Dinge noch betasten konnte. Viele zögern ihre Rückkehr hinaus, weil sie befürchten, nur mehr eine Spiegelung ihrer Häuser vorzufinden. Bisher habe ich allerdings noch keine so großen Würfel gesehen.Widmung
Meinen Stirnknochen schlage ich
trocken vor euch aufs Holz. Meine Gedanken rollen als Stahlkugeln hinterher.
Mein Herz habe ich für euch verchromt. Die Silberschwingen meiner Lungen heben
und senken sich majestätisch. Meine Eingeweide sind ein kristallener Lüster, der
mit seinem Klimpern euer Ohr erfreut. Meine Gliedmaßen erhaltet ihr als
Reisigbündel. Ich nähere mich euch mit allem, was ich habe, ohne zu wissen, wer
ihr seid. Ich liebe euch, weil ich noch so viel Vorrat an Liebe habe. Fast immer
bin ich mir sicher, daß ihr meiner Verschwendung würdig
seid.
Im Wald der
Gummibäume
Er war seit drei Jahren wieder auf
der Suche nach einem Menschen, zu dem er nett sein konnte. Er würde sich am
Beckenrand hinter ihn stellen, ihn fest umarmen und sich während des Falls so
drehen, daß er selbst zuerst mit dem Rücken das Wasser berühren, der umarmten
Person also den Schmerz des Aufpralls ersparen würde. Unter Wasser würde er sich
kräftig vom Beckenboden abstoßen, um den Kopf der Person, die vielleicht nicht
schwimmen konnte, schnell über die Wasseroberfläche zu bringen und ihr so das
Leben zu retten. Später würde er ihr lächelnd gegenüberstehen, langsam die Arme
ausstrecken, die Hände auf ihre Schultern legen und ganz leise lobende Worte
über die Form ihrer Ohren sagen. Vielleicht würde er noch einen Schritt näher an
die Person herantreten, ihr seinen linken Unterarm waagrecht auf die Linie
legen, die von der einen Schulter über das Schlüsselbein zur anderen führt, und
ihr dann sacht eine in die Stirn fallende Haarsträhne nach oben blasen, nicht
ohne sich vorher mit Mundwasser den Atem gereinigt zu haben. Schließlich würde
er die Person am Handgelenk nehmen und nachts in einen Wald von Gummibäumen
führen. Die schweren, glatten Blätter würden ihnen sanft ins Gesicht und auf die
Brust schlagen, und keine Gefahr würde - wie sonst bei solchen Wanderungen - von
den Spitzen abgestorbener Fichtenäste ausgehen.